Köln 1914 --- Metropole im Westen - Ein Besuch im Kölnischen Stadtmuseum am 04.03.2015

 

Vor etwas über 100 Jahren entbrannte in Europa ein Krieg, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Diese „ Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ prägte den Lauf der Geschichte bis heute und veränderte das Leben von Millionen Menschen weltweit, in Europa, in Deutschland – und in Köln.

 

Das Kölnische Stadtmuseum, das Museum für Angewandte Kunst Köln und die Stiftung Rheinisch – Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln widmeten sich mit „ Köln 1914, Metropole im Westen“ in einer gemeinsamen Präsentation an drei Orten den Auswirkungen dieses ersten „ totalen“ Krieges auf die Stadt und nahmen dabei die bislang weitgehend unerforschte Geschichte Kölns im ersten Kriegsjahr und darüber hinaus in den Blick. Diese interessante Ausstellung wollten wir uns nicht entgehen lassen und so war die Nachfrage unserer Mitglieder auch so groß, dass wir gleich zwei zeitgleiche Führungen im Kölnischen Stadtmuseum anbieten mussten, dank der freundlichen Unterstützung der Mitarbeiter des Kölnischen Stadtmuseums aber auch konnten. Nachfolgendes kann jedoch nur einen kleinen Überblick über die sehr facetten- und umfangreiche Ausstellung geben:

 

Köln war damals logistischer Knotenpunkt für die Westfront, ein Zentrum des beginnenden Luftkrieges und mit über 600.000 Einwohnern eine der größten Städte im Deutschen Reich. Wie in kaum einer anderen Stadt stießen hier die Grundwidersprüche der Epoche –

„ Aggression“ und „ Avantgarde“ aufeinander.

Im Kölnischen Stadtmuseum stand die Alltagsgeschichte im Vordergrund: Köln war eine pulsierende Großstadt auf dem Weg in die Moderne. Mit dem Kriegsausbruch veränderte sich das großstädtische Leben in nahezu allen Bereichen. In der Ausstellung wurde der abrupte Wandel im Alltag der Menschen, im gesellschaftlichen, religiösen wie wirtschaftlichen Leben und im Rhythmus der Stadt insgesamt präsentiert: Luxusgegenstände und „ Adenauer – Brot“, Kaiserkult und Frontmotorrad, Kriegsverletzungen und Propaganda, Fußballschuhe und Armeestiefel. Hier wurden die alltäglichen Widersprüche des Jahres 1914 deutlich. Auch das Frontgeschehen, der Luftkrieg, die Kölner Lazarette und Kriegsgefangenenlager wurden thematisiert, waren doch zahllose Kölner im Krieg im Einsatz. Ausgewählte Biografien vermittelten einen lebendigen Eindruck vom Leben der Kölnerinnen und Kölner im Jahr 1914.

 

Die Wirtschaft war 1914 globalisiert. Die Seilbahn auf dem Zuckerhut in Rio de Janeiro stammte von der Kölner Firma Pohlig, die Clouth AG bezog Kautschuk aus den Kolonien und Stollwercks – Schokoladen – Automaten standen in den New Yorker U – Bahn – Stationen. Kölner Firmen agierten weltweit mit Waren- und Dienstleistungen.

 

In den Vorkriegsjahren herrschte Hochkonjunktur. Die Stärke der Kölner Wirtschaft war ihre Vielfalt: In der Stadt und den eingemeindeten Vororten ließen sich Betriebe mit unterschiedlichen Schwerpunkten nieder. Die chemische, textil- und metallverarbeitende Industrie teilte sich den Markt mit Handwerksbetrieben und einem starken Dienstleistungssektor.

 

Mit Kriegsbeginn änderte sich dies. Tausende Arbeiter wurden eingezogen – oft standen über die Hälfte der männlichen Arbeiter plötzlich nicht mehr zur Verfügung. Der Engpass wurde mit der Einstellung von Frauen umgangen, von denen viele nun alleine für das Auskommen der Familien sorgten.

 

Handwerker, deren Betriebe wegen der schlechten Auftragslage schlossen, arbeiteten nun auch in Fabriken. Auch Kriegsgefangene wurden in der Kölner Industrie eingesetzt: Ein Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907.

 

Gleichzeitig verloren Kölner Unternehmen ihre Bezugs- und Absatzmärkte: Der Handel mit „feindlichen“ Staaten war verboten. Und die Seeblockade der Briten verhinderte ab November 1914 die Einfuhr von Rohstoffen.

 

Treibstoffe wurden rationiert, Fahrzeuge und Pferde eingezogen. Vom Krieg war die Konsumgüterindustrie stärker betroffen als die Metall- und Chemiebranche. Viele Betriebe stellten auf Kriegswirtschaft um – und verdienten gut daran: Mit Granaten, Stacheldraht, Reifen und Sprengkapseln, aber auch mit Produkten aus Ersatzmaterialien für den täglichen Gebrauch.

 

Nach der Eingemeindung von Mülheim und Merheim 1914 hatte die Stadt 637.400 Einwohner. Damit war sie die zweitgrößte Stadt Preußens und drittgrößte Stadt des Deutschen Reichs.

 

Köln steckte in einem rasanten Entwicklungsschub: Die Bebauung der Neustadt war abgeschlossen, nun verjüngte sich die Innenstadt. Eine neue Brücke sollte Deutz mit Köln verbinden. In der „ City“ zwischen Dom und Neumarkt wurden mittelalterliche Viertel abgerissen und neue Einkaufsstraßen angelegt. Repräsentative Bauten wie die Kaufhäuser Titz (Kaufhof), Palatium ( Hansen ), Carl Peters ( Karstadt ), Stadt- und Deichmannhaus entstanden.

 

Und Köln war mobil: 20 innerstädtische Linien und Vorortbahnen brachten die Menschen zur Arbeit, zum Einkaufen und zum Vergnügen: Von Niehl bis Bonn, vom Bergischen Land bis Frechen. Pferdebahnen hatten ausgedient, nun fuhr man mit der „ Elektrischen“.

 

Die Wirtschaft boomte: Handel, Handwerk und Dienstleistungen profitierten von der wachsenden Industrie. Arbeiter und Angestellte hatten – wenn auch im bescheidenen Rahmen – Anteil am Wohlstand. Kölner genossen das Großstadtleben in Vergnügungsstätten, Cafes, Kinos, Theatern, der Oper sowie den Museen. Größter Magnet war 1914 die Deutsche Werkbund – Ausstellung auf dem Deutzer Ufer.

 

Doch Mobilmachung und Kriegsbeginn änderten alles. Nun regierte der Militär – Gouverneur. Köln wurde Verkehrsknotenpunkt für den Aufmarsch zur Front. Straßenbahnen beförderten tausende Soldaten. Im Zehn – Minuten – Takt verließen Züge den Bahnhof nach Westen. Arbeiter tauschten Werkzeug gegen Waffe. Ladenschlusszeiten wurden aufgehoben, Theater und Museen vorübergehend geschlossen, aus Schulen wurden Lazarette. Das Werkbund – Gelände wurde fortan militärisch genutzt.

 

Mitte August war die Mobilmachung abgeschlossen. Kein Kölner ahnte, dass dieser Krieg vier Jahre dauern würde.

 

Text z.T. Kölnisches Stadtmuseum

M.M.

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